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Schraubensicherung: Was hält wirklich? Mythen & Profi-Lösungen

In der modernen Industrie und im anspruchsvollen Handwerk halten Milliarden von Schraubverbindungen unsere Gesellschaft zusammen. Doch so massiv eine hochfeste Verschraubung (oder spezielle Sicherheitsschrauben) auch wirken mag, sie besitzt eine fatale Schwachstelle: Vibrationen. In unserem Experten-Podcast „Verschraubt und zugedreht“ haben wir ein Thema seziert, das jährlich für enorme Schäden verantwortlich ist – das ungewollte Lockern von Verbindungen.

Viele Anwender verlassen sich noch immer auf Methoden, die wir heute klar als Mythen entlarven müssen. Ob in der Werkstatt oder im Stahlbau (unter Verwendung von Sechskantschrauben oder Bohrschrauben): Wer Schraubensicherung verstehen will, muss sich von der „Angstscheibe“ verabschieden und die Physik der Klemmkraft beherrschen.

Das physikalische Paradoxon: Warum sich Schrauben von selbst lösen

Stellen Sie sich vor, Sie ziehen eine Schraube mit einem Drehmomentschlüssel an. Das befriedigende „Klick-Klack“ signalisiert Ihnen, dass die berechnete Vorspannkraft erreicht ist. Diese Kraft dehnt den Schraubenbolzen minimal wie eine extrem steife Feder und presst die Bauteile zusammen.

Technisch gesehen ist ein Gewinde jedoch nichts anderes als eine schiefe Ebene, die um einen Zylinder (Zylinderschrauben) gewickelt wurde. Die Vorspannkraft drückt permanent „den Hang hinunter“. Das einzige, was die Schraube am Losdrehen hindert, ist die Reibung im Gewinde und unter dem Kopf.

Sobald Vibrationen auftreten, entstehen mikroskopisch kleine Querkräfte. Diese heben die Reibung für Sekundenbruchteile auf. In diesem Moment nutzt die Vorspannung die schiefe Ebene aus und die Schraube dreht sich – oft unbemerkt – ein Stück weit auf. In der Praxis führt dieses physikalische Paradoxon dazu, dass die Klemmkraft bei unzureichender Schraubensicherung innerhalb kürzester Zeit auf Null abfällt.

Der Junker-Test: Die harte Realität für Federring und Co.

Um die Wirksamkeit von Gewindesicherungen objektiv zu vergleichen, nutzt die Technik den sogenannten Junker-Test (nach Gerhard Junker). Hierbei wird eine Verbindung gezielten Querbelastungen ausgesetzt, während die Klemmkraft gemessen wird.

Die Ergebnisse sind ernüchternd für klassische Elemente:

  • Standardmuttern: Verlieren die Klemmkraft fast sofort.
  • Federringe (DIN 127 / 128): Diese Normen wurden bereits 2003 zurückgezogen. Bei hochfesten Verbindungen (ab Güte 8.8) wird der Ring schlicht plattgedrückt. Es existiert keine Federwirkung mehr; stattdessen begünstigt die unebene Fläche das Losdrehen sogar.
  • Zahnscheiben: Sie können in gehärtete Oberflächen nicht eindringen und werden wirkungslos flachgepresst.
  • Kontermuttern: Entgegen der landläufigen Meinung stürzen auch sie im Junker-Test „ins Bodenlose“ ab, da sie sich ebenfalls nur auf Reibung verlassen.

Wir sprechen hier oft von der „Angstscheibe“ (eine falsch eingesetzte Unterlegscheibe) – man verbaut sie, damit es „fertig“ aussieht, doch technisch ist sie ein Placebo.

Die drei Kategorien der Sicherung

Um Schrauben sicher zu befestigen, unterteilen Profis die Sicherungselemente in drei Funktionsklassen:

1. Verliersicherungen

Hierzu zählt die klassische Stoppmutter (Sicherungsmutter) mit Polyamid-Ring (DIN 985). Wie Rudi im Podcast betont, ist der Name „selbstsichernd“ irreführend:

„Sie erhält die Vorspannung nicht aufrecht. Sie verhindert lediglich, dass die Mutter komplett vom Bolzen fällt und in die Maschine gerät.“

Ähnliches gilt für Splinte (DIN 94) in Kronenmuttern. Sie bieten Formschluss gegen das Verlieren, aber keinen Schutz gegen das Lockern der Verbindung.

2. Setzsicherungen

Diese Elemente (z. B. Spannscheiben nach DIN 6796) gleichen Setzerscheinungen aus. Wenn sich Oberflächen durch Belastung glätten, „federn“ diese massiven Scheiben nach. Sie sind bei leichten Vibrationen hilfreich, bieten aber bei starken Querkräften keine finale Schraubensicherung.

3. Losdrehsicherungen

Dies ist die Königsklasse. Sie verhindern aktiv das Zurückdrehen der Schraube und erhalten die Vorspannkraft nahezu vollständig.

Mechanische Losdrehsicherung: Das Keilprinzip

Eine der effektivsten Methoden, um Schrauben zu sichern, sind Keilsicherungsscheiben (bekannt unter dem Markennamen Nord-Lock Scheiben). Das System besteht aus einem Scheibenpaar, das auf der Innenseite mit Keilflächen versehen ist.

Die Geometrie folgt einer genialen Logik: Der Keilwinkel α (Alpha) der Scheiben ist größer als die Steigung des Schraubengewindes β (Beta).

Will sich die Schraube lösen, müsste sie über die Keilflächen gleiten. Da α > β ist, würde dies die Vorspannkraft sogar erhöhen, statt sie zu verringern. Die Schraube „sperrt“ sich somit selbst.

Profi-Tipp: Dies ist die einzige Verbindung, bei der Schmierung ausdrücklich erlaubt ist, da sie die Keilwirkung dynamischer macht, ohne die Sicherung zu gefährden.

Chemische Gewindesicherung: Die Kraft des Stoffschlusses

Wenn mechanische Elemente keinen Platz finden oder eine zusätzliche Abdichtung (z. B. durch Dichtringe) gewünscht ist, kommt Schraubenkleber zum Einsatz. Marktführend ist hier oft die Loctite Schraubensicherung.

Wie funktioniert flüssige Schraubensicherung?

Diese Klebstoffe sind anaerob. Das bedeutet, sie härten unter zwei Bedingungen aus:

  1. Metallkontakt (Reaktion mit Metallionen).
  2. Sauerstoffabschluss (im verschraubten Gewinde).

Rudi erklärt im Podcast eine wichtige Besonderheit:

„Solange Sauerstoff in der Flasche ist, reagiert nichts. Deshalb sind die Flaschen oft nur zur Hälfte gefüllt – die Luft schützt den Kleber vor der Aushärtung.“

Festigkeitsklassen von Loctite

  • Schraubensicherung mittelfest (blau): Die universelle Lösung. Sie sichert zuverlässig, lässt sich aber mit normalem Handwerkzeug wieder demontieren.
  • Schraubensicherung hochfest (rot): Für dauerhafte Verbindungen. Ein Lösen ist hier meist nur durch starkes Erwärmen (ca. 250 °C) mit einem Heißluftföhn möglich.

Reaktionszeiten und Materialien

Die Aushärtung ist stark vom Werkstoff abhängig:

  • Blanker Stahl: Sehr aktiv, fest in 3–6 Stunden.
  • Verzinkte Schrauben: Passiviert, benötigt 4–8 Stunden.
  • Edelstahl (A2/A4): Sehr passiv. Hier kann die vollständige Aushärtung bis zu 24 Stunden dauern.

Prozesssicherheit: Mikroverkapselung für die Industrie

In der seriellen Fertigung (Anlagenbau, Automotive) ist die manuelle Anwendung von flüssiger Gewindesicherung oft ein Risikofaktor. Hier nutzt man vorbeschichtete Schrauben mit Mikroverkapselung (z. B. Precote oder Scotch-Grip).

Dabei befinden sich winzige, trockene Klebstoffkapseln auf dem Gewinde. Erst beim Einschrauben zerbrechen diese, vermischen Harz und Härter und starten die chemische Reaktion. Dies garantiert eine gleichbleibende Qualität („Prozesssicherheit“), da der Faktor Mensch bei der Dosierung ausgeschaltet wird.

Achtung Verwechslungsgefahr: Es gibt auch Klemmbeschichtungen (z. B. Tufflock/Nylon-Fleck). Diese sind meist blau oder rot, bestehen aber aus festem Kunststoff. Sie erhöhen nur die Reibung (wie eine Stoppmutter) und sind keine echte Losdrehsicherung!

Praxis-Check: Häufige Fehler vermeiden

Das Sackloch-Problem

Ein klassischer Fehler beim Auftragen von flüssiger Schraubensicherung: Man gibt den Tropfen oben auf den Bolzen und schraubt ihn in ein Sackloch. Die komprimierte Luft drückt den Kleber einfach nach oben heraus.

Die Lösung: Geben Sie den Kleber direkt unten in das Innengewinde des Sacklochs. Beim Eindrehen wird der Kleber durch die verdrängte Luft nach oben über alle Gewindegänge verteilt.

Sauberkeit ist Pflicht

Öl- oder Fettreste verhindern die chemische Reaktion. Nutzen Sie vor der Anwendung immer einen speziellen Reiniger oder Entfetter, besonders bei passiven Oberflächen wie Edelstahl.

Fazit

Echte Schraubensicherung geht weit über das bloße Festziehen hinaus. Während Federringe und herkömmliche Sicherungsbleche im modernen Maschinenbau kaum noch eine Daseinsberechtigung haben, bieten Keilsicherungsscheiben und chemische Lösungen wie Loctite ein Höchstmaß an Sicherheit.

Für die Industrie ist die Mikroverkapselung aufgrund der Prozesssicherheit die erste Wahl. Heimwerker und Instandhalter greifen zur flüssigen Gewindesicherung, müssen dabei aber zwingend auf Werkstoffe (wie arbeitendes Holz, ideal für Spanplattenschrauben) und Aushärtezeiten achten. Wer die „Wahrheit der Schraubensicherung“ beherrscht, konstruiert Verbindungen, die auch unter extremsten Vibrationen stabil bleiben.

FAQ – Expertenrat zur Schraubensicherung

Welche Schraubensicherung ist gut?

Eine gute Sicherung hängt von der Belastung ab. Für starke Vibrationen sind Keilsicherungsscheiben (mechanisch) oder anaerobe Klebstoffe (chemisch) ideal. Verliersicherungen wie Stoppmuttern sind lediglich dazu da, ein vollständiges Auseinanderfallen der Verbindung zu verhindern, schützen aber nicht vor dem Verlust der Vorspannkraft.

Was bringt Schraubensicherungslack?

Schraubensicherungslack dient primär als optische Anzeige (Siegel). Er macht sichtbar, ob sich eine Schraube unbefugt bewegt oder gelöst hat. Eine mechanische Sicherung gegen das Losdrehen bietet er jedoch kaum. Er ist ein wichtiges Instrument für die Wartung und Qualitätskontrolle im Maschinen- und Anlagenbau.

Was kann man statt Schraubensicherung nehmen?

Im Notfall kann eine erhöhte Einschraubtiefe (oder der Einsatz von einem Universaldübel), Gewindestifte oder ein Feingewinde die Reibung verbessern, bietet aber keinen Schutz gegen starke Vibrationen. Behelfsanwendungen wie Lack oder Sekundenkleber sind unzuverlässig. Profis greifen bei fehlenden Spezialmitteln eher zu mechanischen Sperrzahnschrauben, die sich über die Geometrie im Material verankern.

Welche Schraubensicherung kann Lösen verhindern?

Nur echte Losdrehsicherungen wie Keilsicherungsscheiben oder hochfeste chemische Klebstoffe können das Losdrehen unter Querlast zuverlässig verhindern. Diese Systeme wirken der Physik der schiefen Ebene entgegen. Im Gegensatz dazu bremsen Reibungssicherungen den Prozess nur ab, können den totalen Klemmkraftverlust bei dauerhafter Vibration aber nicht stoppen.

Kann man Schrauben mit LOCTITE wieder lösen?

Ja, das hängt von der gewählten Festigkeitsklasse ab. Mittelfeste Sicherungen lassen sich mit Standard-Werkzeugen demontieren. Hochfeste Varianten erfordern meist eine lokale Erwärmung des Bauteils auf über 200 °C, um die chemische Struktur des Klebers aufzubrechen, da das Losbrechmoment sonst zur Zerstörung des Schraubenkopfs führen könnte.

Wie lange braucht LOCTITE Schraubensicherung bis es fest ist?

Die Funktionsfestigkeit wird bei Stahl oft schon nach 15 bis 30 Minuten erreicht. Die vollständige chemische Aushärtung und Endfestigkeit dauert jedoch in der Regel 24 Stunden. Bei passiven Oberflächen wie Edelstahl oder verzinkten Teilen verlangsamt sich der Prozess deutlich, weshalb hier mehr Zeit eingeplant werden sollte.

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Rudolf Voggenreiter