Welcher Bohrer für welches Material? HSS, HSS-G, Co5 und Co8 im Vergleich
Welcher Bohrer für welches Material? HSS, HSS-G, Co5 und Co8 im Vergleich
Kürzlich rief ein Kunde bei uns an: Er hatte einen HSS-Bohrer bestellt und wollte damit eine Halterung an seinem nagelneuen Edelstahl-Grill befestigen. Nach kurzer Zeit hatte er ein stumpfes Stück Metall in der Bohrmaschine – der Bohrer war ausgeglüht, die Spitze verbrannt, das Werkstück ruiniert. Was ist passiert?
Die Antwort steckt schon in der Frage: HSS-Bohrer und Edelstahl passen nicht zusammen. Wer die Kürzel auf seinen Bohrern nicht kennt, riskiert genau solche Fehlkäufe. In dieser Folge unseres Podcasts „Verschraubt und zugedreht" nehmen wir die Welt der HSS-Bohrer auseinander: von der Grundvariante HSS-R über den geschliffenen HSS-G bis zu den kobaltlegierten Spezialisten Co5 und Co8. Am Ende wissen Sie genau, welcher Bohrer zu Ihrem Material passt.
Was bedeutet HSS überhaupt?
HSS steht für High Speed Steel – auf Deutsch: Hochleistungs-Schnell-Stahl. Die deutsche Bezeichnung ist präziser, denn sie verrät den eigentlichen Kern: Dieses Material hält beim Bohren hohe Temperaturen bis etwa 600 °C aus, ohne dass die Schneide weich wird oder ausglüht. Genau das erlaubt hohe Schnittgeschwindigkeiten, wie sie in der industriellen Fertigung Standard sind.
Wichtig für die Praxis: HSS ist eine Werkstoffbezeichnung, keine Marke. Nach aktueller Norm findet sich manchmal auch nur HS auf dem Bohrer, gemeint ist dasselbe.
Achtung, nicht verwechseln: Auf günstigen Sätzen steht häufig CV oder CrV (Chrom-Vanadium). Das ist ein deutlich weicherer Werkstoff, der bei Bohrern hauptsächlich für Holzbohrer verwendet wird und sich für Weichholz und Spanplatten eignet. In Stahl haben CV-Bohrer nichts verloren. Wer den Unterschied zwischen Holz-, Metall- und Steinbohrern grundlegend erkennen möchte, findet in unserem Ratgeber Bohrer erkennen und unterscheiden sowie in der Podcast-Folge zum Thema die passenden Antworten.
Die vier Klassen im Vergleich – wie beim Autokauf
Um die Welt der Metallbohrer zu verstehen, hilft eine anschauliche Analogie aus dem Podcast:
„Das Ganze ist im Grunde ganz gut vergleichbar mit der Ausstattung beim Auto. Wir haben das Modell HSS-R als Basisausstattung, dann die Version HSS-G – das wäre die Komfortausstattung. Und die Premium-Ausstattung, das ist in unserem Fall Co5 und Co8."
HSS-R (rollgewalzt) – die Basisausstattung
Erkennungsmerkmal: Meist schwarze Färbung. Wer mit der Hand von der Schneide weg über den Bohrer streicht, spürt eine leichte Wulst am Rand. Diese entsteht durch die Fertigungsmethode: Der glühende Rohstahl wird gewalzt und verformt, statt aus dem Vollen geschliffen zu werden.
Vorteile: Günstig, robust und durch die Materialverdichtung beim Walzen sehr stabil. Nachteile: Weniger präzise, schlechterer Rundlauf, Schneide etwas weniger scharf.
Einsatzbereich: Baustahl, Aluminium, Kunststoff, weiche legierte Stähle. Für den gelegentlichen Heimwerker-Einsatz eine solide Wahl.
HSS-G (geschliffen) – die Komfortausstattung
Erkennungsmerkmal: Silbern glänzend, blankes Material ohne Wulst.
Beim HSS-G wird die Wendel aus dem Vollen zerspant, also mechanisch aus einem Rohling herausgeschliffen. Das Ergebnis sind messerscharfe Kanten, präzise Maßhaltigkeit und ein sauberer Rundlauf. Die Standardwahl für alle, die häufiger Metallbohrer-Sätze nutzen und Wert auf saubere Bohrergebnisse legen.
Einsatzbereich: Baustahl, Guss, legierte Stähle bis etwa 900 N/mm², Kunststoffe, NE-Metalle.
Co5 (Kobalt 5) – die Premium-Klasse
Erkennungsmerkmal: Bronzene Farbgebung. Nicht mit goldenen titannitrierten Bohrern verwechseln – Co5 ist deutlich dunkler und matter.
Der Werkstoff ist eine HSS-Legierung mit 5 % Kobalt. Kobalt erhöht die Warmhärte: Der Co5-Bohrer bleibt bis etwa 650 °C leistungsfähig. Und genau das braucht es, sobald Edelstahl ins Spiel kommt. Denn Edelstahl leitet Wärme extrem schlecht ab. Die Temperatur bleibt punktuell an der Bohrerspitze, und dort geht ein normaler HSS-Bohrer innerhalb von Sekunden kaputt.
Einsatzbereich: Edelstahl A2, vergütete und legierte Stähle bis 1.100 N/mm² Zugfestigkeit, hochfeste Konstruktionsstähle.
Co8 (Kobalt 8) – die Premium-Plus-Klasse
Erkennungsmerkmal: Silbern glänzend, aber merklich heller als HSS-G.
Mit 8 % Kobalt ist dies der Spezialist für die schwersten Zerspanungsaufgaben, zum Beispiel Titanlegierungen, Edelstahl A4/A5, Hardox und Werkstoffe über 1.100 N/mm². Der Bohrer bleibt auch jenseits von 650 °C leistungsfähig und ermöglicht höhere Schnittgeschwindigkeiten.
Der Haken, den man kennen sollte: Co8 ist zwar härter, aber auch spröder. Das erhöht das Risiko, dass die Schneide bei Verkanten ausbricht. Deshalb gilt: Co8-Bohrer gehören idealerweise in die Standbohrmaschine, wo sich der Bohrer nicht schräg stellen kann.
Einsatzbereich: Edelstahl A4, Titanlegierungen, verschleißfeste Baustähle (Hardox), Werkstoffe für Baggerschaufeln und ähnliche Extrembelastungen.
Bohrer und Festigkeitsklassen: Welchen Bohrer brauche ich für welche Schraube?
Wer eine abgerissene Schraube ausbohren muss, steht schnell vor der Frage: Reicht mein Standardbohrer? Die Faustregel richtet sich nach der Festigkeitsklasse der Schraube:
- Bis 6.8: HSS-G reicht problemlos.
- 8.8 (800 N/mm²): Grundsätzlich geht HSS-G. Aber: Beim Ausbohren entsteht durch die kleine Fläche punktuell viel Hitze. Ein Co5 gibt hier deutlich mehr Reserve.
- 10.9 (1.000 N/mm²): Co5 ist die passende Wahl. Wer eine Sicherheitsreserve möchte, greift zum Co8.
- 12.9 (1.200 N/mm²): Jetzt sind wir über der 1.100-N/mm²-Grenze. Co8 ist Pflicht. Bei besonders zähen Werkstoffen kommt sogar der Vollhartmetallbohrer zum Einsatz.
Wichtiger Tipp: Beim Ausbohren immer mit hohem Druck, aber niedriger Drehzahl arbeiten. Außerdem ist ein voll gehärteter Vollhartmetallbohrer, der in einer Schraube abbricht, praktisch nicht mehr zu entfernen. Deshalb ist hier Fingerspitzengefühl gefragt.
Drehzahl und Kühlung: Die zwei unterschätzten Faktoren
Selbst der beste Kobaltbohrer nützt nichts, wenn Drehzahl und Kühlung nicht stimmen. Zwei Grundregeln:
Regel 1: Je größer der Durchmesser, desto niedriger die Drehzahl. Ein 4-mm-Bohrer läuft deutlich schneller als ein 12-mm-Bohrer. Für die Praxis lohnt sich eine ausgedruckte Drehzahltabelle direkt an der Bohrmaschine, wie es in klassischen Werkstätten seit Jahrzehnten Standard ist.
Regel 2: Bohrschneidmittel ist Pflicht. Ohne Kühlung glüht selbst ein Co8 aus. Rudi beschreibt das Phänomen im Podcast anschaulich mit einer Fahrrad-Analogie:
„Das ist wie beim Rennradfahren, wenn du Vollgas den Berg runterfährst und dann trittst du in voller Kraft weiter, wenn's bergauf geht. Der Muskel wird blau. Genau das passiert an der Stelle auch – der Bohrer wird blau bzw. das Werkstück wird blau."
Was macht Bohröl konkret?
- Kühlung: Führt die Reibungswärme ab, bevor die Spitze ausglüht.
- Schmierung: Verringert Reibung, verhindert das „Verbacken" von Spänen auf der Schneide.
- Späneabtransport: Die scharfen Späne werden aus dem Bohrloch gespült, statt sich zu verhaken.
Wichtig: WD-40 ist kein vollwertiger Ersatz. Es besteht überwiegend aus Waschbenzin und Petroleum und war ursprünglich zum Wasserverdrängen gedacht. Für richtige Bohrarbeiten gibt es passende Produkte in unserer Kategorie Chemie – die richtigen Additive und die Schmierwirkung entscheiden über Erfolg oder Materialverlust.
Achtung Edelstahl: Hier reicht kurzes Sprühen nicht. Beim Bohren in Edelstahl muss die Kühlung kontinuierlich laufen, sonst „verglast" die Oberfläche innerhalb von Sekunden und weder Werkstück noch Bohrer sind zu retten.
Die Flowstep-Spitze: Ohne Vorbohren zum Ziel
Ein Spezialbohrer, den wir im Podcast ausdrücklich empfehlen: Bohrer mit Flowstep-Spitze. Ihre stufenförmige Tannenbaum-Geometrie hat mehrere Vorteile:
- Kein Vorbohren nötig, auch bei 12, 16 mm oder größeren Durchmessern.
- Punktgenaues Ansetzen ohne Verlaufen.
- Auch für Rohre und dünne Bleche geeignet, weil der Bohrer sich nicht verhakt.
- Weniger Kraftaufwand. Bei Akku-Maschinen hält der Akku länger.
Der Kompromiss: Die Spitze ist nicht mit Hausmitteln nachschleifbar, und der Bohrer ist etwas empfindlicher gegen Sturzschäden. Für den professionellen Einsatz überwiegen die Vorteile aber klar. Weitere Spezialausführungen finden Sie in unserer Kategorie Spezialbohrer.
Fazit: Der richtige Bohrer ist die halbe Miete
Am Ende laufen alle Empfehlungen auf zwei Grundsätze hinaus, die Rudi und Enzo im Podcast auf den Punkt bringen: Wähle den richtigen Bohrer für das Material – und bohre richtig. Für Kunststoff, Aluminium und Baustahl reicht HSS-R oder HSS-G. Für Edelstahl A2 und Vergütungsstähle bis 1.100 N/mm² greifen Profis zu Co5. Für Edelstahl A4, Titan oder Hardox führt kein Weg an Co8 vorbei, möglichst in der Standbohrmaschine.
Und ganz gleich, welchen Bohrer Sie einsetzen: Passende Drehzahl und konsequentes Kühlen mit richtigem Bohrschneidmittel entscheiden am Ende darüber, ob das Werkzeug ein Bohrleben lang hält oder nach fünf Minuten in der Tonne landet. Wie es im Podcast so schön heißt: „Immer schön kühl und immer schön fühlen."
Das komplette Sortiment für Ihren Werkzeugkoffer finden Sie in unserer Kategorie Bohrer & Gewindeschneider – vom Standardbohrer bis zum Kobaltspezialisten für die härtesten Werkstoffe.
FAQ – häufig gestellte Fragen zu HSS-Bohrern
Was bedeutet HSS bei Bohrern?
HSS steht für Hochleistungs-Schnell-Stahl (englisch High Speed Steel). Dieser Werkstoff hält Temperaturen bis etwa 600 °C aus, ohne dass die Schneide ausglüht. Das erlaubt hohe Schnittgeschwindigkeiten und macht HSS zum Standardmaterial für Metallbohrer in Handwerk und Industrie. HS ist die gleiche Norm-Bezeichnung.
Was ist der Unterschied zwischen HSS-R und HSS-G?
HSS-R ist rollgewalzt, der Bohrer wird aus glühendem Stahl geformt und ist meist schwarz mit einer leichten Wulst neben der Schneide. HSS-G ist geschliffen – er wird aus dem Vollmaterial zerspant, ist silbern glänzend und deutlich präziser mit besserem Rundlauf und schärferer Schneidkante.
Welchen Bohrer brauche ich für Edelstahl?
Für Edelstahl brauchen Sie einen kobaltlegierten Bohrer. Für Edelstahl A2 reicht Co5 (5 % Kobalt) aus, für Edelstahl A4 oder A5 empfiehlt sich Co8. Der Grund: Edelstahl leitet Wärme schlecht ab. Nur die höhere Warmhärte des Kobalt-Stahls verhindert, dass die Bohrerspitze ausglüht.
Brauche ich beim Bohren wirklich Kühlmittel?
Ja, unbedingt, vor allem bei Stahl und Edelstahl. Bohrschneidmittel kühlt die Schneide, verringert Reibung und transportiert Späne ab. WD-40 ist nur ein Notbehelf, weil es kaum Schmierwirkung hat. Bei Edelstahl muss die Kühlung kontinuierlich laufen, sonst verglast die Oberfläche innerhalb von Sekunden.
Kann ich HSS-Bohrer nachschleifen?
Ja, HSS-, HSS-G-, Co5- und Co8-Bohrer lassen sich am Schleifbock oder in speziellen Schleifgeräten nachschärfen. Für harte Kobaltvarianten empfiehlt sich eine Schleifscheibe mit Siliziumkarbid. Wichtig sind Symmetrie und der richtige 130°-Spitzenwinkel. Flowstep-Spitzen dagegen sind für den Laien praktisch nicht nachschleifbar.